PM Nr. vom 22.09.2006

Offener Brief an den Kultusminister Prof. Dr. Jens Goebel

Sehr geehrter Minister Prof. Goebel

ich wende mich an Sie angesichts der in Frage stehenden Zukunftsaussichten der – trotz aller Einschränkungen in den vergangenen Jahren – immer noch großartigen Kulturszene unseres Landes. Jährliche Kürzungen von 10-12 Mio. Euro sind angesichts der in der Tat dramatischen Haushaltslage in Thüringen nur scheinbar der Beitrag der Kulturszene zur überfälligen Konsolidierung. Ich halte eine solche Argumentation für einen fatalen Trugschluss und möchte Sie dringend bitten, die Folgewirkungen der scheinbar kleinen Kürzungen des Kulturetats zu überdenken. Die zu befürchtenden negativen Synergieeffekte umfassen nicht nur einen Rückzug kommunaler Träger aus der finanziellen und moralischen Verantwortung. Thüringen hat in den letzten Jahren die vorhandene kulturelle Vielfalt als Ganzes zurecht als Aushängeschild für die touristische Bewerbung des Landes genutzt. Touristische Attraktivität, das hat ihr Kollege Reinholz immer wieder betont, schöpft aus kulturellem Reichtum und ist eine zentrale Säule für den wirtschaftlichen Erfolg Thüringens.

Fernab von der Thüringer Kulturlandschaft als Wirtschafts- und Standortfaktor muss es uns jedoch vor allem um eine Stärkung des Bildungslandes Thüringen gehen. Ich bin mir sicher, dass Sie als Theaterfreund wissen, welch wesentlichen Beitrag kulturelle Angebote zu allgemeiner Bildung, zur Förderung musischer Fähigkeiten und sozialer Kompetenzen leisten – ganz zu schweigen von den positiven Effekten, die eine vitale Kulturszene auch außerhalb von Institutionen vor Ort entfaltet. Es stünde Thüringen als Denkfabrik insofern gut zu Gesicht, die Investitionen in kulturelle Angebote eher zu verstärken als noch weiter zu kürzen.

Mittlerweile wird die Verunsicherung vor Ort mit jedem Tag größer, solange die angekündigten drastischen Kürzungen weiter im Raum stehen. Die Verantwortlichen, die Künstler, Schauspieler, Musiker, Techniker – sie alle wissen, dass durch die von der Landesregierung vorgeschlagenen Kürzungen ein Absturz bisher nicht geahnten Ausmaßes droht. Sehr geehrter Herr Prof. Goebel, bitte nehmen Sie die großen und berechtigten Proteste der Verantwortlichen und die Sorgen der vielen Menschen in Thüringen ernst. Noch lässt sich eine immense Abwärtsspirale verhindern. Bitte machen Sie im Kabinett deutlich, was viele Experten seit Wochen immer betonen: Die mit den Kürzungen verbundenen Folgewirkungen drohen das Kulturland Thüringen irreparabel zurückzuwerfen. Nehmen Sie daher entsprechende Pläne zurück.

Mit freundlichen Grüßen
Katrin Göring-Eckhardt

Für Nachfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung: Tobias Franke-Polz, 0177-5228822 


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