„Neue Armut in Deutschland“ – Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer

INTERGRÜN diskutierte am 3. Juli 2008 in Jena
Donnerstag, 3. Juli 2008 – trotz heftiger Regenschauer, sind mehr als 60 StudentInnen und Interessierte der Einladung von Intergrün (Grüne Hochschulgruppe Jena) gefolgt und haben sich im Hörsaal 4 auf dem Carl-Zeiss-Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingefunden, um gemeinsam mit den 3 ReferentInnen, dem Uniprofessor Roland Merten (Institut für Erziehungswissenschaften an der FSU Jena), der grünen Landessprecherin Astrid Rothe-Beinlich (auch Mitglied im Bundesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Jürgen Bromme (Jenaer Tafel) über die "Neue Armut in Deutschland" zu diskutieren.
Florian Rakers (Intergrün) lud alle TeilnehmerInnen dazu ein, sich selbst vor Ort, z.B. bei der Jenaer Tafel ein Bild zu machen. Theorie sei zwar gut, aber Praxis noch besser. Dennoch ließ er den ReferentInnen die Möglichkeit, aus ihrer Sichtweise über das Thema Armut und Lösungsmöglichkeiten zur Bekämpfung derselbigen zu referieren.
Prof. Roland Merten machte den Anfang. Anhand von Statistiken veranschaulichte er den ZuhörerInnen sehr deutlich, wie drastisch die Armut und vor allem die Kinderarmut in Deutschland zugenommen hat. In Thüringen leben 27,2 % der Kinder in Armut, bundesweit dagegen 17,9 %. Als prägnantes Beispiel zeigte er auf, dass Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren als Regelleistung im Sozialgeldbezug monatlich 208 EUR erhalten. Das bedeutet, dass diesen Kindern und Jugendlichen täglich nur knapp 2,62 EUR zum Leben zur Verfügung stehen. Prof. Merten machte mit diesem Beispiel deutlich, dass diese Armut praktisch die Fehlernährung von Kindern und Jugendlichen zur Folge hat, die in späteren Jahren erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem bringen wird. Weiterhin wies Prof. Merten darauf hin, dass bildungsmäßig den Kindern andere Perspektiven aufgezeigt werden müssten, als die, in Armut zu leben. Zum Schluss merkte er an, dass in Deutschland der Aufschwung an den sozial Benachteiligten vorbei geht.
Aus der Praxis konnte Jürgen Bromme berichten. Er berichtete von seinem Alltag bei der Jenaer Tafel. Die Jenaer Tafel ist ein privater gemeinnützig anerkannter Verein, der 1995 als erste Tafel in Ostdeutschland gegründet wurde. Sie erhält keine staatliche Förderung, sondern ist ausschließlich auf Spenden angewiesen. Supermärkte, Lebensmittelhändler und Bäckereien stellen Lebensmittel zur Verfügung, die am Ende des Tages übrig bleiben. Neben festen Sponsoren, die regelmäßig Lebensmittel zur Verfügung stellen, gibt es auch Geschäfte und private Personen, die gelegentlich anrufen, wenn sie etwas abzugeben haben. Zur Zeit können wöchentlich für ungefähr 700 Personen Lebensmittel weitergegeben werden. Die anfallende Arbeit wird von ABM-Kräften, Ein-Euro-Jobbern und vor allem ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitabeitern übernommen. Jürgen Bromme betonte, dass ca. 1/3 der Bedürftigen, die zur Jenaer Tafel kämen, Kinder seien und dass diese Kinder am meisten unter der Armut leiden. Deshalb wäre es zwingend notwendig, etwas gegen Kinderarmut zu tun.

INTERGRÜN diskutierte am 3. Juli 2008 in Jena über die "Neue Armut in Deuschland".
Zum Schluss machte Astrid Rothe-Beinlich deutlich, dass die Erkenntnisse, die wir aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung gewinnen, erschreckend, aber leider nicht neu sind. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Einkommen der oberen Schichten der Gesellschaft wachsen weiter, während die der unteren und mittleren Einkommensschichten stetig sinken bzw. stagnieren. Tatsache ist, dass sich die Armutsrisikoquote in Deutschland auf hohem Niveau verfestigt hat.
"Der Zusammenhang von Bildung und Armut ist längst erwiesen. Der Zugang zu und der erfolgreiche Erwerb von Bildung ist der Türöffner zur gesellschaftlichen Teilhabe. Die im existierenden Bildungssystem bestehenden Übergänge und Schwellen aber führen zu einer Auslese, die für viele in der sozialen Sachgasse endet. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen durch eine Bildungsoffensive, Teilhabegerechtigkeit und Existenzsicherung gleichermaßen endlich den Teufelskreislauf der Bildungsarmut durchbrechen. Der Zugang zu Bildung ist die Gerechtigkeitsfrage des 21. Jahrhunderts. Köpfchen sind unser Kapital und ihnen soll auch die Zukunft gehören. Nur wenn alle Kinder von Anfang an gerechte Startchancen haben, können wir sie ermutigen und ertüchtigen, ihr Leben später selbst in die Hand zu nehmen", erklärte Astrid Rothe-Beinlich abschließend.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen haben deshalb auf ihrer LDK in Nordhausen 15 Punkte für eine gerechte Zukunft beschlossen: