Konferenz zur Kinderarmut übergibt gemeinsames soziales Wort

Junge 2

Astrid Rothe-Beinlich: Perspektivwechsel hin zu einer kindzentrierten Politik überfällig

Im Thüringer Landtag fand am 1.Oktober die vom Landesjugendring einberufene und vorbereitete Konferenz zur Kinderarmut statt. Dort wurde das von 16 unterschiedlichen BündnispartnerInnen erarbeitete "Gemeinsame Soziale Wort" vorgestellt und an Politik und Kirche übergeben.

Das "Gemeinsame soziale Wort" entstand binnen einen halben Jahres in 6 Sitzungen und wurde nach dem Einstimmigkeitsprinzip als Kompromisspapier verabschiedet.

Thüringens Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski erinnerte bei der Eröffnung an die Geschichte von "Pünktchen und Anton", geschrieben von Erich Kästner und die anrührende Szene, in der Pünktchen Antons Lehrer klar macht, dass der Junge Tag und Nacht arbeitet, um den Lebensunterhalt zu verdienen und es somit ein Wunder sei, dass er am Unterricht überhaupt noch teilnehmen könne.

"Kinderarmut ist ein Skandal" – so lautet die Überschrift zum ersten Kapitel und sie soll aufrütteln und zum Handeln ermutigen wie verpflichteten. Mehr als 60.000 Kinder unter 15 Jahren sind in Thüringen von Armut direkt betroffen.

Ziel des "Gemeinsamen sozialen Wortes" ist, den Fokus auf Teilhabegerechtigkeit und die Würde auch jedes Kindes zu richten, Kindern die Fülle des Lebens zu schenken und ihnen die Gewissheit zu geben, dass sie geborgen und der Liebe und Fürsorge anderer anvertraut sind.

Hier die Hauptbeweggründe der UnterzeichnerInnen:

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg betonte: "Gerechtigkeit ist Schlüsselbegriff von Theologie und grundlegendes Ordnungsprinzip der Gesellschaft. Ziel ist die Beendigung von Ungleichheit und Auftrag die Parteinahme für alle, die auf Unterstützung und Beistand angewiesen sind. Wir wollen auch Arme zu eigenverantwortlichem Handeln befähigen."

Reinhard Müller, Geschäftsführer der Parität Thüringen stellte klar: "Kindern eine Perspektive geben –unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und den Mangel an Verwirklichungschancen beenden! Teilnahme ist nicht gleich Teilhabe! Wir brauchen Prävention gegen die Abwärtsspirale."

Gerhard Günter vom DRK: "Kinder spüren unmenschliche Kälte und brauchen ein stabiles Umfeld. Daher fordern wir ein Mindesteinkommen – denn sozial ist nicht, was Arbeit schafft, sondern nur Arbeit, von der man auch leben kann. Zudem braucht es eine Kindergrundsicherung von 300 Euro für jedes Kind."

Steffen Lemme, DGB: "Die Einkommenssituation von Familien muss grundlegend verbessert werden, ebenso die staatlichen Transferleistungen erhöht. Von 2,59 Euro pro Tag kann man kein Kind gesund ernähren. Uns geht es um die Sicherstellung des soziokulturellen Existenzminimums. Außerdem stehen wir für einen gesetzlichen Mindestlohn."

Bruno Heller, Caritas: "Das Leben mit Kindern ist zum Armutsrisiko geworden. Viele Familien schämen sich ihrer sozialen Situation, obwohl Armut längst kein Einzelschicksal mehr ist. Eine Kinderfreizeitkarte soll Teilhabe für alle sicherstellen."

Uwe Werner, Kinderschutzbund: ""Die ökonomische Stärkung der Familien ist zentral, zusätzlich braucht es jedoch niedrigschwellige Angebote und den Ausbau sowie die Vernetzung von Frühwarnsystemen. Wir brauchen weniger Selektion und dafür mehr gezielte Förderung: Gesunde Ernährung und Bewegung müssen für alle Kinder selbstverständlich sein."

Werner Griese, AWO Thüringen: "Armut und Bildung gehören zusammen. Die Teilhabe an Bildung ist zentral. Daher sind wir froh über die gemeinsame Forderung nach einem Rechtsanspruch auf frühkindliche Bildung und Betreuung ab dem 1. Lebensjahr. Wir üben scharfe Kritik am Landeserziehungsgeld und seiner Lenkungswirkung. Außerdem ist der Personalschlüssel in den Thüringer Kitas im bundesweiten Vergleich viel zu niedrig und wird den Anforderungen nicht annähernd gerecht."

Robert Fischer vom LJR Thüringen: "Jeder Mensch braucht umfassende Bildung – diese ist Grundlage für Selbstverwirklichung und Teilhabe. Bildung ist DIE Investition in die Zukunft. Wir fordern gemeinsam das längere gemeinsame Lernen bis zum Abschluss der 8.Klasse. Schule muss Kinder und Jugendliche individuell ansprechen. Aber Bildung ist weit mehr als Schule – die Zusammenarbeit von außerschulischer Jugendarbeit, Schule und Jugendverbandsarbeit gilt es, zu verbessern."

Peter Gösel, Landessportbund; "Auch sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche müssen an Sport und Bewegung partizipieren können. Integration durch Sport ist ein Erfolgsprogramm. Wichtig ist die kostenlose Nutzungsmöglichkeit der Sportstätten für Kinder und Jugendliche."

Rüdiger Buß, Johanniter: "Kinder können nicht selbst für ihre Gesundheit sorgen. Sie sind abhängig von den Lebensbedingungen. Armut macht krank. Dem gilt es, von Anfang an zu begegnen."

Lars Oschmann, Thüringer Feuerwehrverband: "Teilhabe von Kindern ist das A und O – auch und gerade im ländlichen Bereich. Kindern Mobilität zu ermöglichen ist dafür zentral. Wir dürfen nicht länger Ausreden akzeptieren, sondern müssen Aktivitäten für Kinder und Jugendliche fördern."

Friedemann Heinrich für die Evangelischen Freikirchen: "Wie eine Gesellschaft mit Armut umgeht, zeigt deren Werte. Armut ist nicht hinnehmbar."

Außerdem unterzeichnet wurde das "Gemeinsame soziale Wort" von der Jüdischen Landesgemeinde, dem ASB, dem Naturschutzbund Deutschland und den Thüringer Landestrachtenverband.

Für die Politik nahmen das "Gemeinsame soziale Wort" u.a. Ministerin Christine Lieberknecht (CDU), Christoph Matschie (SPD); Knut Korschewsky (Linkspartei) und Astrid Rothe-Beinlich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) entgegen.

In ihrem Statement betonte die Landessprecherin der Thüringer Bündnisgrünen:

"Mein Dank geht an die 16 AkteurInnen, die sich zusammengefunden haben, um dieses Gemeinsame Wort zu erarbeiten. Kinderarmut ist eine Katastrophe für jedes betroffene Kind. Daher unser Plädoyer für einen konsequenten Perspektivwechsel: Kinder in den Mittelpunkt. Kinder müssen endlich als eigenständige Subjekte ernst- und wahrgenommen werden. Kinder brauchen Teilhabe- und Existenzsicherung gleichermaßen und jedes Kind muss gleich viel wert sein. Kinder sind unsere Zukunft und sie endlich ernst zu nehmen und ihnen allen die Türen zur Welt zu öffnen, das ist unser erklärtes Ziel und dafür bietet dieses "Gemeinsame soziale Wort" hoffentlich den Stein des Anstoßes."

Am Ende der Konferenz wurde der Wunsch formuliert, das "Gemeinsame soziale Wort" nicht tot zu loben, sondern in die Welt zu tragen, es mit Leben zu füllen, weiter zu entwickeln und in konkrete Politik zu übersetzen.

als pdf zum Download:  Gemeinsames Soziales Wort

Foto: aboutpixel.de © stefan hiller