„Den Schalter in den Köpfen umlegen“
Diskussionsrunde mit Grünen-Bundestagsabgeordnetem Hans-Josef Fell in Erfurt
Er ist einer der Väter des Erneuerbaren Energie-Gesetzes (EEG) und seit 2005 Sprecher für Energie und Technologie der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Der 57-jährige Unterfranke Hans-Josef Fell. Am Mittwoch machte die Ikone der Erneuerbaren Energien-Bewegung auf seiner Wahlkampftour in Erfurt Station und zeigte eindrucksvoll auf, dass die Diskussionen um eine 100% Energieversorgung aus Bio-, Solar- und Windenergie keine Utopie ist.
Am Beispiel des Mobilfunkausbaus, der trotz anderslautender Prognosen innerhalb von knapp 20 Jahren eine fast 100%ige Versorgung in Deutschland erreicht hat, oder der Vorhersage der Energiewirtschaft, dass Erneuerbare Energien maximal 4 Prozent der Stromversorgung erreichen können (Anzeigenserie von RWE 1993) – 2009 kommen bereits 18 Prozent des Stroms aus Wind-, Bio- und Solarenergie – demonstrierte Fell plakativ, dass bei entsprechenden Rahmenbedingungen fast alles umsetzbar ist.
Diese Rahmenbedingungen wie die Installation des EEG im Jahre 2000 seien jedoch ein ganz wesentliche Grundlage für die Umsetzbarkeit, eine weitere muss in den Köpfen der Politiker und der Menschen vor Ort geschaffen werden: Der feste Glaube an diese Umsetzbarkeit. Zu dieser Umsetzung kann jeder Einzelne beitragen, davon ist Eckard Tröger, Geschäftsführer der in Freiburg beheimateten "Energie in Bürgerhand"-Genossenschaft, fest überzeugt. Bereits 20 Mio. Euro wurden gesammelt, damit über eine Beteiligung an der Thüga, die als größter Energieverbund Deutschlands an über 90 kommunalen Energieversorgern Anteile hält, Einfluss auf die Geschäftspolitik dieser Stromanbieter zugunsten der Erneuerbaren nehmen zu können. Bereits mit 500 Euro können u.a. Privatpersonen Anteilseigner werden und für 7,5 Millionen Stromkunden eine rein regenerative Stromversorgung anstoßen (mehr unter www.energie-in-buergerhand.de).
"Die Umsetzung einer 100%-Stromversorgung aus Erneuerbaren muss das Ziel sein, um dem Klimawandel zu stoppen", betonte Michael Lengersdorff, Leiter der Kampagne '100% erneuerbar', "damit u.a. Tage wie der gestrige Donnerstag mit 37 Grad in Zukunft nicht die Regel werden." Denn so lauten die Prognosen von Wetterexperten spätestens für das Jahr 2050. Die Sommer- und die Hitzetage mit über 30 Grad werden sich mehr als verdoppeln, Dauerregen und Überschwemmungen werden im Winter zur Regel, so die Horrorszenarien der Klimaforscher aufgrund der langjährigen Beobachtungen. Dazu sei es aber notwendig, nicht nur auf die Bioenergie wie in Thüringen, sondern ganz gezielt auf den Mix aller Möglichkeiten zu setzen und die Verhinderungspolitik für die Windenergie als wichtigstem Stromproduzenten aufzubrechen. Ein schwieriges Unterfangen nicht nur bei der Landespolitik, sondern gerade bei den Landräten als Entscheidungsträgern vor Ort, wie Roberto Kobelt, energiepolitischer Sprecher der Thüringer Bündnisgrünen, insbesondere in den vergangenen beiden Jahren seit Verabschiedung des energiepolitischen Konzeptes der Grünen mit dem Ziel der 100%igen Energieversorgung aus Erneuerbaren bis 2050 leidvoll erfahren musste.
In der abschließenden Diskussion, an der sich auch die Thüringer juwi-Kolleginnen und Kollegen Britt Wittmann, Ramona Nothoff, Wolfgang Trobisch sowie Knut Weinreich beteiligten, wurde deutlich, dass noch sehr viel Kärnerarbeit zu leisten ist. Auf die konkrete Frage, wie politischer Druck auf z.B. Landräte in Thüringen aufgebaut werden kann, wurde einmal mehr deutlich, dass dies ein schwieriges und sensibles Kapitel ist, das mit viel Fingerspitzengefühl und langem Atem betrieben werden muss. Die Botschaft der Klimawende mit all ihren Facetten muss noch klarer bei allen Bürgern in Thüringen ankommen, da sie unter anderem über die anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen maßgeblichen Anteil daran haben, Einfluss auf die nicht mehr zeitgemäße Energiepolitik zu nehmen und die Energiewende einzuläuten. "Die Abwahl ist eine der härtesten Strafen für einen Politiker", betonte Fell abschließend.
Mario Amling
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