Offener Brief zum Erhalt der Gipskarstregion
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
seit vielen Jahren schwelt in Nordthüringen der Konflikt über die Vernichtung von naturschutzrelevanten Flächen durch den Abbau von Naturgips. Dieser Konflikt droht sich durch die Freigabe neuer Gipstagebaue im Südharz dramatisch zuzuspitzen. Während mehrerer Besuche in der Gipskarstlandschaft zwischen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen konnte ich mir immer wieder ein Bild von der Besonderheit und dem hohen Schutzbedürfnis der Naturlandschaft und vom Engagement der Menschen vor Ort machen.
Im Jahr 2004 waren die Menschen froh darüber, dass Sie ihnen zusagten, dass es keine weiteren Gipstagebaue gebe. Viele Menschen haben sich darauf verlassen und sind nun umso enttäuschter darüber, dass diese Aussagen offensichtlich nicht mehr gelten oder in wortklauberischer Manier uminterpretiert werden. Die Erschließung von weiteren Abbauflächen ist insofern nicht nur ein ökologisches und wirtschaftliches Problem für die Region, sondern auch ein Problem von Vertrauen in die Politik. Es ist bekannt, dass demokratische Entscheidungsmechanismen gerade auch in Thüringen in den letzten Jahren mit zunehmenden Akzeptanzproblemen konfrontiert sind. Der Thüringen-Monitor ist sicher ein Beleg dafür. In einer Region, in der parteiübergreifend und vor allem auch in der Bevölkerung Einigkeit darüber besteht, dass der weitere Gipsabbau gegenüber den Flora- und Fauna-Verlusten und dem Wegbrechen aller touristischen Entwicklungschancen in keiner Verhältnismäßigkeit steht, wird diese Enttäuschung jedoch auch mit Händen greifbar.
Die Menschen in der Südharzer Gipskarstregion sind deswegen so empört, weil für geringe Mittel, die dem Landeshaushalt durch den erweiterten Gipsabbau zufließen, Perspektiven zerstört werden. Denn es geht auch um Arbeitsplätze, die durch die Stärkung der Gipsindustrie nicht entstehen, die jedoch im zaghaft aber konstant wachsenden touristischen Bereich bereits entstanden sind. Es könnten noch mehr sein, würde das Damoklesschwert eines weiteren Ab-baus nicht über der Region liegen. Durch den Ausbau des Gipstagebaus, die Zerstörung der Naturlandschaft und nicht zuletzt durch den entsprechenden Fahrzeugverkehr entsteht praktisch kein neuer Arbeitsplatz. Es geht mithin nicht um grüne „Luxus“-Politik, sondern um eine tatsächlich nachhaltige Wirtschaftsentwicklung einer Region, die nicht allein, aber eben auch im Tourismus große Potenziale hat. Nicht zuletzt geht es auch darum, der engagierten Bevölkerung weit über die direkt betroffenen Gemeinden hinaus zu signalisieren, dass die Landespolitikihre Bedenken ernst nimmt.
Ich möchte Sie dringend auffordern, sich zügig für eine Lösung im Sinne der Menschen einzusetzen. „Wo Urlaub noch Erholung ist“, wirbt Thüringen für den Tourismusstandort. Nehmen Sie diesen Anspruch ernst und sichern Sie insbesondere auch der betroffenen Nordthüringer Region die Chance für eine zukunftsfähige Entwicklung!
Mit freundlichen Grüßen
Katrin Göring-Eckardt
29.05.2007