Nach Eva-Prinzip und Methusalem-Komplott – Aktuelle Fragen zur Familienpolitik

Rede von Katrin Göring-Eckardt im Max-Weber-Kolleg am 25.Juni 2007

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Herr Prof. Joas,

ich freue mich sehr über die Einladung in das Max-Weber-Kolleg hier in Erfurt und die Möglichkeit heute mit Ihnen über Familienpolitik zu diskutieren.

Nun war Max Weber bekanntlich selbst ein echter Familienmensch. Schon als Kind war er es gewohnt,  von einem großen Verwandtenkreis umgeben zu sein. Er hatte sieben Geschwister. Dass es da oft drunter und drüber gegangen sein muss, kann sich jeder und jede von uns denken. Noch dazu reichten seine Familienbande fast um die ganze Welt. Seine deutsch-englische Familiengeschichte allein liefert genügend Stoff, um einen ganzen Abend wie diesen zu füllen. Und: Ganz offensichtlich gab es in seinem Leben tradierte Beziehungsgeflechte, die sein Wirken ganz entscheidend beeinflussten.

Doch um darüber zu reden, bin ich heute nicht hier. Das wäre damit die erste spannende Frage dieses Abends, die ich heute hier nicht vertiefen kann. Sie haben mich eingeladen, um Ihnen die aktuelle familienpolitische Debatte zu skizzieren und mit Ihnen im Anschluss gemeinsam zu bewerten. Das ist – ganz offen gesagt – ein ziemlich weites Feld. Und ich möchte an dieser Stelle voraus schicken, was ich heute vor allem  nicht schaffe, Ihnen hier darzulegen. Ich kann Ihnen in dieser Kürze keinen umfassenden historischen Abriss über die Familienpolitik und ihre Genese liefern. Ich werde auch keine umfassende europäische Perspektive aufmachen können. Ebenso werde ich nur in Teilen die Rolle der Frau im Familienkontext beleuchten. Ich möchte mich vor allem auf die Frage nach aktuellen Problemfeldern und Handlungsmöglichkeiten konzentrieren, geänderte Rollenmuster und aktuelle familienpolitische Herausforderungen.

Die Familie ist in aller Munde und sie ist und bleibt ein Streitfall. Sie werden kaum einen Politiker finden, der sich nicht gern mit Kindern ablichten ließe. Auch der erfolgreiche Manager zeigt die Familie gern vor. "Kommen Sie doch zu uns nach Hause zum Essen" heißt oft. "Besichtigen sie gern mal meine Familie, sie sehen dann, dass ich nicht nur im Job erfolgreich bin".

Familie ist in aller Munde. Renate Schmidt hat es geschafft, die Familie dem Gedöns zu entziehen und Ursula von der Leyen hat den – meist männlichen – Konservativen  in Deutschland quasi den Spiegel vorgehalten, wie das Kind dem nackten Kaiser. Ihr seht die Realität nicht, hieß das. In Deutschland leben Familien auf sehr unterschiedliche Weise und die meisten wollen gern Familie und Beruf miteinander verbinden.

Familie ist in aller Munde. Eva Herrmann startet Aufrufe zu mehr Häuslichkeit und hat es immerhin geschafft, dass heftig gestritten wird. Und Frank Schirmacher macht sich ebenfalls Sorgen um die Wertevermittlung in der Familie, wenn doch Vater und Mutter arbeiten.

Ob – und wenn ja, was – das alles mit Politik zu tun hat, soll heute hier beleuchtet werden. Gleichzeitig werden wir ein paar Ausflüge ins Leben machen, dorthin, wo die Politik nichts zu suchen hat.

Eines noch vorab. Das Gute an den Familien heute ist, dass sie frei gewählt sind. Man muss nicht mehr heiraten, weder aus ökonomischen noch aus Gründen der Konvention. Die meisten wollen und tun es trotzdem. Das ist interessant: Die meisten, die einmal gescheitert sind, tun es übrigens wieder, manche immer wieder. Das mag mit der Unverbindlichkeit der Zeit zu tun haben, mit den hohen Ansprüchen an Beziehung und so weiter. Eines ist aber dennoch klar. Mann und Frau wollen sich binden, sich aufeinander verlassen können. Sie wollen voneinander lernen, die Brutpflege gemeinsam bestreiten (hier muss man sicher sagen, die Frauen wollen, die Männer wissen dass sie müssen)

Es geht um gegenseitige Inspiration, aber auch um Alltag und gemeinsame Interessen. So ein Familienleben, wenn  man es erst einmal hat, gibt auch keiner so leicht auf. Für jede neue Beziehung gilt schließlich: Man muss nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden. .

 

Familie: Begriff und Lebenswirklichkeit

Lassen Sie mich zunächst etwas über den Familienbegriff, den ich heute hier zugrunde legen möchte, sagen.  Familienbegriffe lassen sich einerseits nach strukturellen, andererseits nach funktionalen Gesichtspunkten ordnen. Ich glaube, dass wir über die strukturellen Merkmale hier und heute nicht mehr reden müssen. Die gesellschaftlichen Lebensformen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Neben der Familie mit zwei verheirateten leiblichen Eltern haben vielfältige weitere Formen des Zusammenhalts und miteinander Lebens an Bedeutung gewonnen. Da gibt es nichteheliche Lebensgemeinschaften, Ein-Eltern- oder Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften bis hin zu familiären Netzwerken, die über Generationengrenzen hinweg auch Menschen ohne verwandtschaftliche Bindung einschließen. Gleichzeitig hat sich auch das Zusammenleben in der Gesellschaft verändert und die Arbeitswelt ist geprägt von Flexibilisierung und unsteten Erwerbsverläufen. Deshalb ist eine funktionale Beschreibung des Familienbegriffes aus meiner Perspektive die treffendere. Und ich will hier gern herleiten, warum

Familie zunächst einmal da ist, wo Kinder sind. Dieses Credo haben die Grünen in den Siebzigern faktisch erfunden. Aber: Vom Einzelnen wird heute in der Familie etwas anderes erwartet als damals. Heute geht es darum, flexibel und mobil zu sein, eigenständig und verantwortlich in allen Lebenslagen. Deshalb gilt zwar immer noch, dass Familie da ist, wo Kinder sind, aber die Vielfalt gelebter Familienrealität und die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erfordern einen erweiterten Familienbegriff. Um diesen einzurahmen, sind aus meiner Perspektive drei Punkte ganz zentral:

 Früher war die Sache klar. Familie ist Blutsverwandtschaft. Leibliche Kinder, Geschwister Eltern usw. Heute wird Verwandtschaft erstens nicht mehr automatisch als Verpflichtung zum gemeinsamen Leben betrachtet. Auch wenn die verwandtschaftlichen Bindungen stark sind: der Bruder, mit dem man sich überworfen hat fehlt nun einmal mehr, als die Freundin, die aus den Augen verloren wurde. Familie hat sich aber in Richtung Wahlverwandtschaften weiter entwickelt. Familien sind offener und flexibler. Dauerhafte Freundschaften sorgen dafür, dass man irgendwie mit dazu gehört. Zusammengehörigkeit und Verlässlichkeit entstehen auch neben den herkömmlichen Familienbanden. Es gibt eine neue Balance von Freiheit und Bindung .Es gibt andere Formen von Verbindlichkeit und Familien haben, auch wenn sie sogenannte klassische Kleinfamilien sind, quasi konzentrische Kreise um sich herum gebildet.

Die Anforderungen an die Familien sind größer geworden. Ich nenne nur die Stichworte Arbeitswelt, Mobilität und Flexibilität. Gerade weil Familien diesen Spagat zwischen sozialen Netze zur gegenseitigen Unterstützung brauchen. Kindern gebührt darin ein besonderer Schutz der Gesellschaft, wobei verwandtschaftliche Bindungen und soziale Netzwerke für das Kindeswohl von größter Bedeutung sind.  Aber auch die Alten werden anders alt. Wenn alle mobil sind, kann man sich nicht darauf verlassen, dass schon jemand aus der Familie da sein wird, wenn alles beschwerlicher wird oder sogar gepflegt werden muss. Die Kinder können in alle Welt verstreut sein und das hübsche Haus mit Garten braucht eigentlich keiner der Nachfahren so recht. Damit sind wir auch schon beim demografischen Wandel. Der  erfordert einen neuen Blick und neue Konzepte auch in der Familienpolitik. Immer mehr ältere Menschen werden mit immer weniger jungen Menschen zusammenleben. Der Generationenvertrag muss neu ausgehandelt werden.

Ich will heute hier nicht über die sozialen Sicherungssysteme reden. Auch alle anderen Lebensbereiche müssen sich natürlich darauf einstellen. Werden wir Dörfer "schließen", weil da nur noch ein paar Alte leben? Welche neuen Wohnformen brauchen wir überhaupt? Wollen die Alten unter sich sein, oder mögen sie Kindergeschrei? Wie organisieren wir den Teil des Lebens, der sich beim besten Willen nicht versichern oder bürokratisieren lässt?

Familie ist also mitnichten nur da, wo Kinder sind.

Ist Familie womöglich ein Wert an sich geworden? Was würden Frauen oder Kinder, die Gewalt in der Familie erleben, wohl dazu sagen? Nein, nicht Familie ist ein Wert an sich, aber die Werte, die gelebt und weitergegeben werden, sind kaum sonst irgendwo so verlässlich, wie in der Familie. Diese Werte sind an sich von großer Bedeutung:  Orientierung, Respekt und Fürsorge, Loyalität und Altruismus, Solidarität und Sicherheit gehören dazu. Dabei scheint es recht gleichgültig zu sein, in welcher Konstellation Familie gelebt wird. Ich weiß schon, manche von Ihnen denken jetzt an vernachlässigte Kinder, an die, die weder gesundes Essen noch gesundes Wissen mitbekommen. Ich werde darauf zurück kommen.

Hier sind wir allerdings erst einmal bei der positiven Beschreibung dessen, was Familie ist. Übrigens -und auch das sei hier nicht ausgespart -  es geht in unserer heutigen Verhandlung der Lebensformen auch um eine stetige Neuverhandlung der Geschlechterrollen. Mama am Bügelbrett, Papa am Auto, das ist längst nicht aus einer vergangenen Zeit. Und auch wenn junge Paare bei Befragungen immer angeben, sich alles teilen zu wollen, besonders die Hausarbeit, sieht das spätestens mit der Geburt des ersten Kindes anders aus. Frauen erledigen dann durchschnittlich doppelt so viel Hausarbeit wie Männer.

 

Anforderungen an eine Familienpolitik

Kommen wir zur Politik. Vergangene Woche Freitag stellte die Bundesregierung den 7. Familienbericht vor. Darin wird festgestellt, dass in Deutschland "trotz propagierter Wahlfreiheit ein Festhalten am Familienmodell der 60er Jahre" stattgefunden hat. Diese Ausrichtung deutscher Familienpolitik hat zu einer Vernachlässigung der Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur und familienunterstützender Dienstleistungen und Netzwerke geführt. Das haben wir nun noch einmal amtlich.

Der 7. Familienbericht legt sein Hauptaugenmerk außerdem auf die Veränderungen in den Lebensläufen,. Die statische Abfolge von Ausbildung, Arbeit und Ruhestand wird heute immer weniger gelebt, aber vom Staat in vielen Bereichen, bis hin zum Steuersystem,  noch immer vorausgesetzt. Dies erschwert sowohl die Familiengründung, als auch das Familienleben im Alltag – weil schlicht und ergreifend die Zeit fehlt.

Noch immer werden öffentliche und private Verantwortung für Kinder und Familien allzu oft als Gegensatz begriffen. Gerade war es auf dem Thüringer Landesfamilientag in Sondershausen quasi wieder mit Händen zu greifen. Auch wenn sich heute kaum noch jemand wagt, gegen Kinderkrippen zu polemisieren. Der Kulturkampf ist nicht vorbei. Es ist übrigens nach meinen subjektiven Erfahrungen häufig ein Kulturkampf der Männer. Nicht selten sitze ich in Diskussionen, ein Mann meldet sich und sagt: "Also wir, meine Frau und ich hier, haben es so und so gemacht." Die Frau sitzt nicht selten daneben und muss das passende Gesicht machen, wenn öffentlich angesagt wird, dass sie sehr glücklich ist und gut zurecht kam und kommt.

Forderungen nach einer umfangreichen Förderinfrastruktur für Kinder sowie nach mehr Familienhilfen und -beratung stoßen aber auch in der Politik nach wie vor auf Vorbehalte – besonders wenn damit konkrete Finanzierungsentscheidungen verbunden sind. Das tief verwurzelte Vorurteil, dass der Ausbau öffentlich verantworteter Infrastruktur zu einer vermeintlich unzulässigen staatlichen Einmischung in die private Familiensphäre führt, war bisher  ein wesentliches Hindernis für einen familienpolitischen Aufbruch.

Die Schieflagen lassen sich anhand einiger Beispiele deutlich durchdeklinieren:

Gerade für Kinder spitzt sich die Situation zum Teil dramatisch zu. Die Zahl armer Kinder und Familien ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen. Bundesweit leben derzeit ca. 2,5 Millionen Kinder in Armut, das sind knapp 16 Prozent. Nachweislich ist die Armutsquote von Eltern mit Kindern doppelt so hoch, wie die von Paaren ohne Kinder. Das betrifft auch Familien mit drei und mehr Kindern und das betrifft auch Kinder von Alleinerziehenden. Die materielle Armut ist an dieser Stelle das eine. Es geht neben dem soziokulturellen Existenzminimum auch um die Frage, ob diese Kinder durch unsere familienpolitischen Strukturen auch die gleichen Chancen erhalten, wie jene aus Familien, wo Armut kein Thema ist. Darauf möchte ich später noch einmal zurückkommen.

Das grundsätzliche Problem ist, dass der Veränderung der Realität von Familien jahrzehntelang keine Beachtung geschenkt wurde. Hier Transferzahlungen und dort ein bisschen Infrastrukturkitt haben nicht ausgerecht, um solche Probleme wie gerade beschrieben zu verhindern. Es wird auf zwei Dinge ankommen: Erstens: der Ausbau der Infrastruktur und die Veränderung des Bildungssystems. Da haben wir ein Umsetzungs-, aber kein Erkenntnisproblem mehr. Zweitens: Wir müssen auch gewährleisten, dass die Kinder, die die Institutionen besonders brauchen, zu ihnen gelangen. Und damit meine ich nicht den ÖPNV oder das Fahrrad.

 

Gesellschaftliche Debatte

Ich komme kurz zur gesellschaftlichen Debatte. Es geht mir hier ganz und gar nicht um die Frage, wer hat hier eigentlich die moralische Lufthoheit. Aber es geht mir hier um die Frage wie wir tatsächlich die Neuverhandlung der Rollen-Stigmata voran bringen. Wir müssen die Fragen der jungen Frauen beantworten, die  zwischen 25 und 35 Jahren alt sind, in der rush-hour des Lebens stecken und individuelle Hilfestellungen für die Familienplanung (angefangen über Betreuung bis hin zu Beratung usw.) benötigen. Und es hilft auch nichts, wenn Feministinnen der ersten Stunde wie Alice Schwarzer den Jüngeren vorwerfen, dass sie ihre Spielräume nicht nutzen. Es geht im Endeffekt um gemeinsamen Kraftakt: Frauen und Männer, die gemeinsam die gesellschaftlichen Strukturen ändern. Lassen sie uns über einen neuen Feminismus reden. Einen, der Frauen und Männer einbezieht, der die alten Kampftechniken weglegt und neue erfolgreichere Methoden zur Durchsetzung von Zielen benutzt. Und reden wir über Männerbilder. Der Satz muss gesagt werden: Auch der Mann hat es heute nicht ganz leicht. Da soll er weich und verständnisvoll sein, aber bitte kein Weichei. Er soll sich durchsetzen und Karriere machen, aber Arbeit darf nicht alles sein. Die Männer haben Schreien gelernt bei Workshops im Wald und Hecheln im Geburtsvorbereitungskurs (wofür immer sie das brauchen). Sie sollen nicht mal mehr im Stehen pinkeln, obwohl das zu den wenigen Dingen gehört, die Frauen ihnen nicht streitig machen können. Schließlich ist sogar der Kriegerberuf interessanter für die Öffentlichkeit, wenn Frauen ihn ausüben. Die eine Soldatin unter hundert Soldaten bekommt jedenfalls besonders viel Respekt und Applaus.

  

Lösungsvorschläge

Bei den allgemeinen Rahmenbedingungen, die sich aus meiner Sicht ändern müssten, möchte ich vier Punkte hervorheben.

Der Stellenwert von Familienpolitik als harter Standortfaktor muss anerkannt werden. Ich war am Samstag beim 2. Landesfamilientag in Thüringen eingeladen, um dort unter anderem mit dem IHK-Präsidenten Chrestensen über die Familienpolitik des Landes zu diskutieren. Wir sind uns einig, dass immer noch viel zu wenig getan wird, um Familie und Beruf in Einklang zu bringen. In Jena ist ein Kindergarten entstanden, der wirklich alles hat, was ein Kindergarten haben kann. Es geht darum dafür zu sorgen, dass  junge Frauen und Familien davon  überzeugt werden, hier zu bleiben, weil hier verstanden wurde, welche wichtige Rolle ein gutes familiäres Umfeld für Fachkräfte bedeutet. Dazu gehört neben den vorhandenen Jobs eben immer auch das Umfeld, Kitas, familienfreundliche Betriebe, Infrastruktur, Wohnbedingungen bis hin zu Restaurants und Cafes, genauso wie das Vorhandensein eines guten kulturellen Umfeldes. Wer Sorge hat, dass immer mehr junge Frauen abwandern, sollte sich damit befassen.

Deswegen Zweitens: wir müssen die Interessen der Frauen im Blick haben. Es geht um Geschlechtergerechtigkeit und um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Mütter und Väter und um eine eigenständige Existenzsicherung für Frauen. Gleichzeitig geht es um die Freiheit zu leben, wie man mag und um Anerkennung der Vielfalt familiärer Lebensformen. Es geht darum, Kindern eigenständige Rechte einzuräumen, um gezielt zu fördern und schützen, wo Familien dies nicht leisten. Ein Anfang ist das Elterngeld,. Manche von Ihnen kennen hierzu vielleicht bereits meine Kritik. Das kann nur ein Anfang sein, denn: Die neue Regierung hat, was die Kinderbetreuung angeht, ja viel aus der Hand gegeben, indem sie gesagt hat: Das sollen die Länder jetzt erst mal machen. Wir haben die Situation, dass wir eine große Unterversorgung haben, gerade bei sehr kleinen Kindern, besonders in Westdeutschland. Dabei wird viel zu wenig über die Qualität der Betreuung geredet. Wir brauchen Betreuung, die gewährleistet, dass Kinder nicht nur betreut werden und beaufsichtigt, sondern dass es auch um Bildung schon bei den Kleinsten geht. 

Dazu geht es auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, also um den Wiedereinstieg von Frauen. Ob das gelingt? Ich wünsche es mir sehr, wünsche es auch der neuen Regierung, obgleich wir in der Opposition sind, weil es einfach für viele Frauen sehr wichtig ist. Aber die Frage der Herangehensweise ist schon eine ganz wichtige. Zu den eigenständigen Rechten der Kinder gehört auch, sie als eigenständige Bürgerinnen und Bürger anzuerkennen. Das heißt: Wahlfreiheit muss es auch für diejenigen gelten, deren Eltern ihnen ausreichende Förderung nicht zukommen lassen oder zukommen lassen können. Wir wissen, dass das oft an das Einkommen geknüpft ist, aber eben bei Weitem nicht nur. Es gibt auch Wohlstandsvernachlässigung. Hier ist jedenfalls der Staat tatsächlich gefragt. Und es geht nicht um die Einschränkung von Freiheit der Familie in ihren Entscheidungen, sondern um das Erlangen der Freiheit, wählen zu können – für die Kinder.

Drittens: Familie braucht Zeit. Die heute bei uns vorherrschenden Formen von Wirtschaft, Arbeit und Ausbildung sind gegenüber den Zeitbelangen von Familien nach wie vor recht blind. Damit Familienmitglieder in verschiedenen Phasen füreinander da sein können, ist eine neue Zeitpolitik notwendig.

Die starre Dreiteilung der Lebensläufe in "Lern-, Arbeits- und Ruhephase" wird den veränderten Lebensrealitäten nicht länger gerecht. Immer mehr Menschen zwischen 25 und 35 Jahren müssen in der sogenannte rush-hour des Lebens ihre Ausbildung oder ihr Studium abschließen, einen beruflichen Einstieg schaffen und eine Entscheidung für eine Familiengründung treffen. Innerhalb dieses relativ kurzen Zeitfensters sind zentrale private und berufliche Weichenstellungen verdichtet. Diese rush-hour ist keine von den jungen Erwachsenen selbst gewählte Form der Lebensführung, sondern  Ergebnis staatlichen Handelns und auch ökonomischer Prämissen der vergangenen Jahrzehnte.

Als Konsequenz aus diesen Entwicklungen müssen wir ein verändertes Lebenslaufmodell zur Grundlage von Entscheidungen in der Sozial-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik machen.

Warum sollen sich Ausbildungsphasen und Familiengründung ausschließen?  Aber auch veränderte Ausbildungs-, Hochschul- und Weiterbildungszugänge, die Modularisierung von Bildungsangeboten und Optionszeiten für Aus- und Weiterbildung sind Handlungsfelder für eine neue Zeitpolitik.

Viertens: Familienpolitik muss die Bedürftigen wieder mehr in den Mittelpunkt stellen. Es geht mir um Zugangsgerechtigkeit und Teilhabechancen. Ich würde sogar sagen, es geht um Teilhabegarantien. Auch wenn das ein schwerer Weg sein wird. Wenn wir es nicht schaffen, das Augenmerk und die Ressourcenverteilung zugunsten der Schwächsten zu verändern, werden wir eine weitere Spaltung der Gesellschaft befördern und übrigens auch riskieren, dass uns in den nächsten Jahren mehr und mehr Fachkräfte fehlen, die wir dringend brauchen Ich bin davon überzeugt:  Kinder aus armen, bildungsfernen Familien sind nicht weniger schlau oder weniger talentiert. Wir brauchen diese Kinder in Deutschland.Und wenn Akademikerinnen und Akademiker weniger Kinder haben, müssen wir die Kinder, die heute von Transfers leben zu Akademikerinnen und Akademikern machen..

 

Detaillierte Politikfelder

Was können wir also tun? Und damit komme ich zum letzten Teil, den politischen Lösungsansätzen. Ich möchte mich auch hier auf vier Punkte konzentrieren.

Erstens, auf Bundesebene muss sich im Steuersystem etwas tun. Wozu heute noch das überkommene Ehegattensplitting? 22 Milliarden € fließen jedes Jahr in die Förderung der Ehe fließen, völlig unabhängig davon, ob dort Kinder leben. Man muss sich immer wieder fragen, ob materielle Unterstützung zielgenau ankommt.

Zweitens: Die sozialen Sicherungssysteme gehören auf den Prüfstand. Ich gehöre zu denen, die der Idee der Grundsicherung anhängen, die sich tatsächlich am Bedarf orientiert, was die Existenzsicherung angeht und was die Integrationsleistungen angeht. . Flankierend dazu werbe ich übrigens vehement für die Einführung einer Kinderfreizeitkarte, die vom Bund finanziert werden sollte. Das heißt, dass Kinder aus bedürftigen Familien mit einem Gutschein ausgestattet werden für Bildungs- oder Freizeitangebote. Das heißt, sie werden direkt gefördert und das Geld versickert nicht.

Drittens: Auf Landesebene müssen wir das Familienfördergesetz (offiziell für Familienoffensive) dringend in Frage stellen. Was wir brauchen, ist eine qualitativ hohe Betreuung. Flächendeckend. Damit schlagen wir drei Fliegen mit einer Klappe: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird befördert, echte Wahlfreiheit entsteht und Bildungsdefizite bei Kindern können von Anfang an ausgemerzt werden. Für gleiche Chancen. Dazu brauchen wir den Rechtsanspruch auf Betreuung ab einem Jahr. Das Land muss die Kommunen bei dieser Aufgabe unterstützen. Übrigens müssen wir uns auch einmal die Frage stellen, wie wir wen bezahlen, in unserem Bildungssystem. Am wenigsten verdienen diejenigen, die mit den Kleinsten arbeiten, obwohl wir genau wissen, dass es dort am wichtigsten ist, dass hier die Grundlagen gelegt werden. Dann kommen die Grund- und Hauptschullehrer. Schon lukrativer ist es, wenn man am Gymnasium unterrichtet. Und das meiste, verdienen die Professorinnen und Professoren. Egal, ob sie jedes Jahr ein Buch schreiben und damit die Republik aufrütteln, wie Professor Joas, fast egal, wie sie sich um ihre Studenten kümmern. Ist das richtig so?

Viertens: Eltern brauchen Bratung und Betreuung. Die in England errichteten Early-Excellence-Center sind ein gutes Beispiel für gelungene Vernetzung. Das sind Kitas mit umfangreichen Beratungs- und Bildungsangeboten. Es geht dort darum, Familien ganzheitlich zu unterstützen. Das sollte auch bei uns Schule machen. Denn wir erreichen hier auch die Eltern der Kinder, die es noch nicht schaffen. Wir erreichen Migrantinnen und Migranten. Da gibt es auch viel Gelungenes in Deutschland. Vielleicht bietet man ja neben der Kinderbetreuung einen Nähkurs an und nicht einen Sprachkurs. Deutsch lernt man dann nebenbei.

Anrede,

Eines sollten wir bei all dem übrigens nicht vergessen. Es macht auch Sinn, ab und zu positiv über Familie zu sprechen und nicht nur über die große Zahl von Problemen. Familie macht auch Spaß. Kinder nerven. Sie haben mitunter unerträgliche Vorlieben bei der Musik, das geht schon los, mit BibiBlocksberg- Kassetten und muss später nicht unbedingt besser werden. Sie haben meist schreckliche Vorlieben beim Essen.  Aber, sie haben bessere Witze drauf als Harald Schmidt und Stefan Raab. Und sie sind die größte Freude. Es lohnt sich, darüber zu reden, und es zu tun, wirklich.

Vielen Dank.