Neue Schule - Zukunft bilden

Für eine Bildungsoffensive in Thüringen
Unser Ziel ist eine freiheitliche Bürgergesellschaft mit größtmöglichem Bildungspluralität. Die Bildungsinstitutionen haben in Deutschland ein großes Beharrungsvermögen gegenüber Veränderungen. Die Pisa-Studie ist die Quittung für Qualitätsstau, für fehlenden Mut und für Gleichmacherei zu Lasten der Schwachen und der Stärkeren. Menschen sind verschieden und müssen unterschiedlich gefördert werden.
Unser Bildungssystem braucht mehr Wettbewerb, um tatsächlich Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Dabei geht es nicht darum, Bildung zu privatisieren, sondern bildungspolitische Verantwortung des Staates effektiv zu organisieren und dem Subsidiaritätsprinzip Rechnung zu tragen.
Lebenslanges Lernen, im Sinne von Lernen, Wissen zu erlernen; Lernen zu handeln; Lernen zusammenzuleben und für ein Leben lernen, das zukunftstaugliche Verhaltensweisen entwickelt, setzt Verantwortung, Motivation und eine bessere Verzahnung und Abstimmung der einzelnen Bildungsbereiche voraus.
Gerade in Ostdeutschland ist die Entwicklung von einem staatlich-zentralistisch organisierten Bildungssystem hin zu einem pluralistischen Bildungssystem mit mehr pädagogischer Freiheit wichtiger denn je. Die Entwicklung von Demokratieverständnis in der Schule ist ausschlaggebend für die Entwicklung der Demokratie im Land.

Lernen lernen
Lernkompetenz, das Lernen des Lernens, soll vom Kindergarten an in allen Phasen von Bildung und Qualifizierung in den Mittelpunkt rücken.
Das rechtzeitige Erkennen und Fördern von Begabungen wie auch ein stärkeres Eingehen auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und das soziale Umfeld der Kinder sollen zum Bildungsauftrag der Kindergärten und Grundschule gehören.
Kinder müssen Kinder bleiben dürfen. Daher lehnen wir eine Regeleinschulung mit fünf Jahren ab. Der Bildungsauftrag des Kindergartens und der Grundschule muss jedoch umfassend reformiert werden. Die Verlängerung der Grundschulphase auf sechs Jahre ist dabei ein wichtiger Reformbaustein. Aber auch in den Kindergarten gehört ein altersadäquater Bildungsauftrag, der die Neugier auf das Lernen fördert, Leistungsbereitschaft weckt und damit späterem Schulversagen vorbeugt. Allen Altersgruppen muss der Besuch einer Kindertagesstätte ermöglicht werden, wobei die Teilnahme an den Stunden der Vorschulbildung und -erziehung gebührenfrei sein soll.
Bereits im Kindergarten und in der Grundschule sollen die Kinder einen altersgemäßen Fremdsprachenunterricht erhalten. Der Vermittlung von Medienkompetenz und der musischen Bildung muss in Zukunft ein höherer Stellenwert eingeräumt werden, gute Beispiele dafür sind: die Einführung des Unterrichtsfaches Film in Frankreich und die kostenlose Verteilung von Flöten mit dem entsprechenden Unterricht bei der Einschulung in Dänemark.

Schulautonomie
Wir brauchen Schulen, die kreativ und frei sein können, Schulen, die sich nicht an Vorschriften messen, sondern an den Menschen und ihren Bedürfnissen, ihren besonderen Neigungen und Begabungen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Eigenverantwortung der einzelnen Schule und die Transparenz ihres Angebotes sowie ihrer Leistungen, die sich dem Vergleich stellen müssen. Schulen brauchen mehr Gestaltungsfreiheit, mehr Entscheidungsrechte, curriculare Freiheiten, ein eigenes Budget und Mitspracherecht bei der Personalauswahl durch Schulleitung, Personalrat und Elternvertretung.
Mit einer Autonomieregelung in der Schulverfassung würde endlich anerkannt, dass erst die einzelne Schule nach eigenem Programm und mit öffentlich akzeptiertem Ziel qualitätssichernd arbeiten kann. Ebenso wichtig für die tagtägliche Qualitätssicherung des Bildungsangebotes sind Regelungen für die Beziehungen zwischen dem Schulträger und der Schulleitung, der Schulleitung und der Lehrerschaft, den Lehrern und den Schülern, der Schule und den Eltern. Sie müssen so gestaltet sein, dass alle Beteiligten die Möglichkeit erhalten ihre Rechte und Pflichten für die Qualitätssicherung wahrzunehmen und sich dieser Verantwortung bewusst sind.
Die Höchstzahl von Schülerinnen und Schülern je Klasse ab Klasse fünf ist von derzeit 30 auf 25 zu senken.

Verantwortung des Staates
Eine zentralistische Lenkung des Bildungssystems verringert nicht nur die Motivation, sie führt auch zu einer Praxis, in der Leistungen und Verantwortung zugleich reduziert werden. Dann liefert Schule die tristen Ergebnisse, die ihr vorgeworfen werden, weil ihr vorab die Freiheit genommen wurde, ernsthaft und kreativ an ihren Aufgaben zu arbeiten. Das Land und der Schulträger sind verantwortlich für das Umfeld, das die Schule anregt, ihr einen Gestaltungsrahmen gibt; von der Ausbildung der Lehrkräfte bis hin zur Finanzierung der materiellen Voraussetzungen. Thüringen hat somit die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit alle Schülerinnen und Schüler Bildungschancen wahrnehmen können, Bildungshindernisse abgebaut und benachteiligte oder auch besonders begabte Schüler gefördert werden können. Der regulierende Staat muss sich zurückziehen und darf nicht mehr bis ins Kleinste kontrollieren wollen. Dazu bedarf es u.a. einer Reformierung der Schulaufsicht und die Entwicklung von weiteren Sachkriterien, die die Schulaufsicht zu einer qualitativ hochwertigen Aufsicht befähigen.

Individuelle Bildungswege
Pluralität des Bildungsangebotes ist unabdingbare Voraussetzung für demokratische Wahlmöglichkeit, Vielfalt, Wettbewerb und Anreiz. Vielfalt, auch die der Schulen, ist essentielles Element einer demokratischen Bürgergesellschaft. Für das Bildungssystem insgesamt werden die Kriterien der Durchlässigkeit, der Vernetzung der Bildungslaufbahnen, die Übergänge zwischen den Schularten und eindeutige lokale und thematische Profile der Angebote wichtig. Eindeutige Zugangsvoraussetzung für die einzelnen Schularten sind dafür Voraussetzung. Besonders die Abschlüsse an Regelschulen und Schulen in freier Trägerschaft müssen aufgewertet werden um die Chancengleichheit unter allen Absolventen zu gewährleisten.
Benachteiligte und hochbegabte Kinder benötigen eine individuelle Förderung. Die Ausstattung der Schulen mit Personal, mit Beratung- und Betreuungsangeboten für Eltern und Schüler, müssen dem Rechnung tragen.
Die gesellschaftliche Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen fängt in Kindergarten und Schule an. Im gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung wird gelernt, dass es normal ist, verschieden zu sein. Die sonderpädagogische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der wohnortnahen Grundschule muss gesichert werden.
Schule als Ganztagsschule mit ganzheitlichen Konzepten erfüllt den Anspruch, nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort zu sein.

Neue Wege in der Bildungsfinanzierung
Wir brauchen eine Neuorientierung der Bildungsfinanzierung, die die Transparenz erhöht, die Effizienz und die Effektivität des Mitteleinsatzes steigert und die Verteilungsgerechtigkeit bei der Mittelvergabe verbessert. Die Instrumente dazu sind längst gefunden: Bildungsgutscheine. Der Bildungsgutschein - an die Eltern der Schüler gegeben - versetzt diese in die Lage, ihre Kinder auf die Schule ihrer Wahl zu schicken, ohne damit vor unüberwindliche wirtschaftliche Schranken gestellt zu werden. Dieser Gutschein kostet auch den Staat nicht mehr als das, was er sowieso aufzuwenden verpflichtet ist. Mit der in mehreren Bundesländern üblichen Pauschalzuweisung pro Schüler ist die Kultusverwaltung dem Bildungsgutschein ohnedies schon sehr nahe gekommen. Statt an die Institution Schule würde der Bildungsgutschein an die sorgeberechtigten Eltern gehen und diese zu individueller Mitwirkung aufrufen. Damit wird die Steuerung des Bildungswesens tatsächlich den BürgerInnen in die Hand gegeben.

Lernen, Verantwortung zu übernehmen
Der gesellschaftliche Wandel erfordert ein neues Bildungsverständnis. Es muss gelingen, Menschen so zu bilden, dass sie Verantwortung für sich, Verantwortung für andere und die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse übernehmen. Kinder und Jugendliche, die im Unterricht erfahren, dass die Gesellschaft durchschaubar, beeinflussbar und mitgestaltbar ist, werden zu verantwortungsvollem Verhalten auch über den eigenen Lebenskreis hinaus ermutigt. Schule hat die Verantwortung, für die Lernenden ein Klima zu schaffen, in dem sie bewusst in eine Kultur des Lernens kommen, weltoffen werden und sich für vieles interessieren.
Wir brauchen Erziehungsziele, wie die zu Gemeinschaftsfähigkeit, zu Selbstbestimmung, zu Leistung und zu Kreativität, zu Konfliktverarbeitungsfähigkeit, zu Beziehungsfähigkeit, die Förderung des Problembewusstseins, das Kennenlernen der eigenen Leistungsfähigkeit und -grenzen sowie der eigenen Belastbarkeit und das Herstellen eines Bezuges zur eigenen kulturellen Identität. Diese Erziehungsziele stellen statt starrer Leistungsziele die Individualität des Einzelnen in den Mittelpunkt. Die Umsetzung dieser Erziehungsziele erfordert, dass alle Erziehungsträger (Eltern, Schule, Schulamt, Jugendamt usw.) dafür Verantwortung übernehmen, dass in der Schule mehr Raum für die Vermittlung geschaffen und damit eng verbunden eine entsprechende Finanzierung gewährleistet wird.

Die Lehrenden: Schlüssel der Bildungsreform
Die Kompetenz der Lehrenden gewinnt eine neue Bedeutung. Eine reine auf Wissensvermittlung und Leistungsabfrage ausgerichtete Bildung an den Schulen geht an der Wirklichkeit und am Alltag vorbei. Wir brauchen eine verbindliche Fort- und Weiterbildung für alle Lehrenden.
Die Leistungsbereitschaft sehr vieler Lehrkräfte ist spürbar dadurch zu erhöhen, dass die Vollzeitbeschäftigung wieder zum Regelfall wird. Mit flankierenden Maßnahmen ist daher die Altersteilzeitbeschäftigung wesentlich auszuweiten, um parallel dazu die Zahl der einzustellenden jungen Absolventinnen und Absolventen auf Vollzeitstellen wesentlich zu erhöhen.
Die Fort- und Weiterbildung muss vor allem auf demokratische Erziehung gerichtet sein. Gerade vor dem Hintergrund neuer rechter Tendenzen in der Gesellschaft brauchen Lehrende neue Instrumente der Einübung von Demokratie und Freiheit, des Minderheitenschutzes und des gesellschaftlichen Miteinander.
Der Beamtenstatus für Lehrerinnen und Lehrer wird ihrem Auftrag nicht gerecht. Wir fordern daher den Abbau des Beamtenstatus für Lehrer und einen Verbeamtungsstop.

Vielfalt in der Schulträgerschaft oder Förderung der Schulvielfalt

Reformpädagogische Schulen in freier, gemeinnütziger, in konfessioneller oder auch staatlicher Trägerschaft bereichern das Bildungssystem in Thüringen auf hervorragende Weise. Sie machen deutlich, dass Schule sich ganz wesentlich auf die Bedürfnisse von Kindern einlässt. Sie zeigen, dass es Sinn macht, Gemeinschaft erlebbar zu machen und jeden Tag neu darüber nachzudenken, was richtig und bewährt, was falsch und zu verwerfen ist. Nicht nach einem starr vorgegebenen Lehrplan zu unterrichten, ist vor allem eine Herausforderung an das Miteinander einer Schule.
Die überdurchschnittlich vielen Anmeldungen machen deutlich: Wir brauchen in Thüringen mehr Schulen in freier Trägerschaft und staatliche Schulen mit reformpädagogischem Hintergrund, die Anregung für andere sind. Sie sind ein wichtiger Katalysator in der Bildungslandschaft. Es ist daher anzustreben, dass freie und staatliche Schulen stärker miteinander in einen Austausch um ihre pädagogische und inhaltliche Intention treten.
Die Schulen in freier Trägerschaft müssen finanziell so gestellt werden, dass sie kein Schulgeld mehr von den Eltern nehmen müssen. Denn nur so können sie den staatlichen Schulen gleichgestellt werden. Die Bestrebungen des Landes konterkarieren dieses Ziel und behindern damit ein Stück Demokratieentwicklung. Der Bildungsgutschein würde eine solche Freiheit gewährleisten, ohne sinnvolle Kontrolle zu unterlassen. Wir fordern das Land nachdrücklich auf, Kürzungen zurückzunehmen und die Zukunft von fast 7000 Schülerinnen und Schülern nicht weiter in Frage zu stellen.

Lernorte öffnen
Die sicherlich notwendige Schulnetzreform hat dazu geführt, dass besonders auf dem Land, in Zentralgemeinden, Schulen zusammengefasst wurden. So ist Schule unpersönlicher geworden, nicht mehr Mittelpunkt des Dorfes oder des Stadtteils. Wir halten es für wichtig, dass sich Schule nicht abschottet, sondern Teil der gesellschaftlichen Gemeinschaft ist. Öffnung der Schule macht diese zum kulturellen Mittelpunkt in der Nachbarschaft und verknüpft das Schulleben über vielerlei Fäden mit den Menschen und Institutionen des Ortes, des Stadtteils. Persönliche Beziehungen zur Schule und eine aktive Mitarbeit und Einbeziehung der Eltern gehören dazu. Dafür reichen Elternabende, die zweimal im Jahr stattfinden, nicht aus. Elternabende müssen zu einem Dialog werden, der um Kreativität, Beteiligung und demokratisches Miteinander von Lehrenden, Lernenden und Eltern ringt.

Weiterführende Schulen /Berufschulen

In vielen weiterführenden Schulen reduziert sich der Bildungs- und Erziehungsauftrag auf die "reine Wissensvermittlung", sämtliche musisch/ethischen Fächer fallen weg, der weiteren Vermittlung der obengenannten Erziehungsziele wird kein Raum gewährt. Das muss sich ändern. Gerade im Jugendalter bedarf es für die Entwicklung der Persönlichkeit solcher und anderer Angebote