Konferenz zur Gipskarstlandschaft in Nordthüringen

Gipskarst

Wieviel Gipsabbau verträgt die biologische Vielfalt und der Tourismus im Südharzer Gipskarst? Zu dieser Frage hat der BUND Thüringen zur einer Konferenz nach Nordhausen geladen. Im Rathaus trafen sich am Montag, dem 9. Juni, Fachleute und Politiker, um die Balance zwischen Naturschutz, Tourismus und den Interessen der Gipsindustrie zu debattieren. Der Termin wurde zeitnah zu der in Bonn initiierten UN-Naturschutzkonferenz zur biologischen Vielfalt gewählt, denn Verantwortung für Arten- und Biotopschutz beginnt vor Ort. Für Deutschland haben gerade die Buchenwälder und der Gipskarst eine besondere Bedeutung. "Wir können uns eine Verschwendung nicht mehr leisten", betonte die Moderatorin Dr. Heidecke (BUND Deutschland) und verwies auf die Aussage von Umweltminister Sklenar: "Das Artensterben geht weiter, auch vor unserer Haustür". Leider war für die Konferenz in Nordhausen es der Gipsindustrie nicht gelungen, einen Referenten zu finden, der die wirtschaftliche Bedeutung der Gipsgewinnung darstellt.

Herr Ellwanger, Vertreter vom Bundesamt für Naturschutz, hat in seinem Vortrag die Bedeutung des Südharzer Zechsteingürtels im Schutzgebietsnetz NATURA 2000 erläutert. Die Gipskarst-Region bildet eine in sich geschlossen Landschaftseinheit, die sich von ihrer geologischen Ausprägung vom Natur- und Nationalpark Harz abgrenzt. Der an der Oberfläche anstehende Gips bietet eine vielgestaltige Landschaft mit einer Vielfalt an Biotopen, die europaweit einzigartig sind. Zu den schützenswerten Biotopen zählen u.a. Gipskarstseen, kalkhaltige Schutthalden, Kalkfelsen mit Felsspaltvegetation, Karst-Buchenwälder und Magerrasen mit sowohl kontinentalen, als auch mediterranen Faunen- und Florenelementen im selben Naturraum.

Um diese Landschaft zu erhalten darf der Gipsabbau nicht weiter ausgebaut werden, stellt der Landessprecher Frank Augsten klar. Er erinnerte die Thüringer Landesregierung an ihr Versprechen vor der vergangenen Landtagswahl, keine weiteren Abbauflächen in der europaweit einmaligen Landschaft zuzulassen. Davon sei jedoch zurzeit nichts zu spüren. Die Gipsindustrie versucht sogar, in geschützte Gebiete einzudringen. Als sinnvollen Schritt gegen eine Ausweitung des Gipsabbaus nannte Burkhard Vogel die Ausweisung der Region als Biosphärenreservat. Auch wir Thüringer Bündnisgrünen setzen uns schon seit Jahren für dieses Ziel ein. Ebenso hat sich Frank Augsten auf der Konferenz für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Sachsen-Anhalt in dieser Frage ausgesprochen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Egon Primas wies das jedoch zurück. Um ein Biosphärenreservat einzurichten, müssten neue Schutzgebiete ausgewiesen werden. Er betonte zudem, den Behörden seien durch die Gesetzeslage die Hände gebunden, ein Sicherung und Ausweitung der Naturschutzräume zu bewirken.

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v.l.n.r. Dr. Frank Augsten (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Egon Primas (CDU), Dr. Heidrun Heidecke (BUND Deutschland), Dagmar Becker (SPD) und Thilo Kummer (DIE LINKE)

Keiner der Anwesenden stellte die bereits ausgewiesenen Gipsabbaugebiete in Frage. Es geht darum, dass keine neue Abbauflächen genehmigt werden. "Der Spielraum der Landesregierung ist viel größer als Herr Primas vermitteln will", sagt Augsten.  Burkhard Vogel stellt die Forderung an die Landesregierung, als Legislative, die Möglichkeiten zu nutzen, den Naturschutz zu stärken und nicht weiter abzuschwächen. Wenn Abbauvorhaben voranschreiten und neue Anträge gestellt werden, muss von der Politik das klare Signal kommen, dass nicht mehr abgebaut werden darf. Gemeinsam mit dem BUND warfen die politischen Vertreter von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, DIE LINKE und SPD Ministerpräsident Dieter Althaus Wortbruch nach seiner Zusage 2004, der Förderung der Gipsressourcen Einhalt zu gebieten, vor.

Frank Augsten verwies darauf, dass ein Biosphärenreservat ein europaweites Siegel sei, das Kernzonen, Schutz- und Entwicklungsgebiete vorschreibe. Dieses Siegel spiele eine nicht unbedeutende Rolle für den Tourismus. Das zeigten Erfahrungen aus der Rhön und dem Vessertal. "Untersuchungen zeigen, dass das Arbeitsplatzpotenzial im Tourismus drei Mal so hoch ist wie in der Gipsindustrie", betonte Burkhard Vogel vom BUND. Die Rhön, die seit 1990 Biosphärenreservat ist, hat von Ihrem Schutzstatus vor allem profitiert. Auch die Landesregierung hebt diese Argumente immer wieder hervor. Warum soll dieses Potenzial nicht auch im Südharz genutzt werden. Statt dessen kapituliert die Landesregierung bei der Einrichtung eines solchen Schutzgebietes. Vielmehr gibt das Land der Gipsindustrie auf Kosten des Naturschutzes ständig nach und der Verzicht erfolgte vorrangig beim Naturschutz. So wurden seit 1995 keine neuen Naturschutzgebiete in der Region ausgewiesen. Einstweilige Sicherungen von Schutzgebieten sind dagegen ausgelaufen. Das zuständige Landesbergamt hatte Anfang 2008 den Gipsabbau am Himmelsberg bei Woffleben genehmigt. Auch das benachbarte Abbaugebiet Rüsselsee soll genehmigt werden.

Die mögliche Ausweisung der Gipskarstlandschaft als Biosphärenreservat würde die wirtschaftliche Entwicklung nicht ausbremsen, sondern der Region neue Chancen im Tourismussektor eröffnen. Für die Ausweisung spricht ebenfalls die Situation vor Ort, ein Großteil der Kommunen, der Landkreis Nordhausen und die Bürger der Region sprechen sich für ein Biosphärenreservat aus. Dennoch darf die Entscheidungslast nicht allein der Region aufgebürdet werden, sondern die Landesregierung muss hier klare Entscheidungen treffen.

Abschließend plädierte Frank Augsten dafür, statt Naturgips REA-Gipse, Recycling-Gipse oder alternative Baustoffe (wie beispielsweise Holz) zu propagieren. Hier kann der Verbraucher durch sein Kaufverhalten umweltfreundlich Handeln. Ziel muss es sein, Wertschöpfungspotenzial freizulegen ohne Naturräume zu zerstören.